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Strigoi

Vampir-Apokalypse – 1. Teil

„Los, los, los!“, donnerte eine Stimme. Es war der Beginn eines weiteren Kampfes. Eines Kampfes gegen eine Übermacht an Strigoi. Jeden Tag bedeutete dieser Befehl den Tod von unzähligen Männern und Frauen. Es war nur eine Frage der Zeit bis auch Abraham dran glauben musste. Und noch viel schlimmer: Jeder, der von diesen vampirartigen Monstern getötet wurde, kam als einer von ihnen zurück und kämpfte von da an für die Gegenseite.

Bewaffnet mit Grubenlampen und Speeren wurden die Kämpfer in die Stollen des Bergwerks geschickt, um in einem Krieg zu kämpfen, der bereits verloren war. Die Gier der regierenden Elite – ein Kreis von Kapitalisten – weckte diese Monster auf. Eines Tages legte ein Tunnelborer einen Raum frei, welcher einen alten Sarg beherbergte. Offenbar wurde der Sarg vor langer Zeit an diesen Ort gebracht und dort eingesperrt. Die Regierenden wollten es sich nicht leisten, den Betrieb der Mine auszusetzen und schafften den Sarg schnell davon. Dadurch erwachte das Wesen in dem Sarg. Dieses Wesen war ihr Anführer und er verwandelte die ersten Menschen in seine Untergebenen.

Da die Strigoi tagsüber weniger stark nach draußen drängten, mussten die Kämpfer nachts in die Stollen und durften nur tagsüber schlafen. Und das auch nur in Containern. Die Türen dieser waren so dünn, dass man hören konnte, wie die Strigoi vor ihnen herumwanderten. Jeder Container wurde von einem Mann und einer Frau bewohnt. Klar, sexueller Austausch war gewünscht, denn das war so ziemlich der einzige Spaß, den man in diesem dunklen Loch hatte.

Eines Tages wurde auch seine Geliebte geholt. Abraham hasste die Kapitalisten. Das Einzige, was ihm lieb und heilig war, wurde ihm genommen. Einfach so. Am liebsten würde er in das Regierungsgebäude marschieren und diese gierigen Arschlöcher zur Rechenschaft ziehen. Einer nach dem anderen.

Eines Nachts waren die Strigoi zu stark. Es war nur eine Frage der Zeit bis sie durchbrachen. Also gab Abraham sein Bestes, zu fliehen. Natürlich war er nicht der einzige, der eine Flucht in Betracht zog. So schloss er sich einer kleinen Gruppe Desserteure an. Doch sobald sie aus dem Bergwerk traten, mussten sie sich trennen, um nicht aufzufallen. Desserteure wurden in der Regel eingefangen und ohne Bewaffnung in den Kampf unter Tage geschickt. Dies war einer Hinrichtung gleichzusetzen.

Er wollte raus aus der Stadt. Auf dem Land wäre er sicherer, denn die Strigoi werden ins Innere der Stadt strömen – angezogen von dem Blut der vielen Menschen. Also rannte Abraham los, bog um eine Hausecke und prallte gegen eine Frau. Ihr Gesicht war unter einer Kapuze verborgen, Mund und Nase waren von einem Tuch bedeckt. Lediglich ihre Augen waren im Schein der Petroleumlampen zu erkennen. Offensichtlich wollte sie zur Mine.

„Gehen Sie nicht weiter. Die Strigoi werden durchbrechen. Die Stadt ist verloren.“, informierte Abraham sie schnell.

Die Frau blieb erstaunlich ruhig: „Na schön. Hier entlang.“ Sie deutete die Straße entlang Richtung Stadtzentrum.

„Das ist keine gu…“, er konnte den Satz nicht beenden. Die Bestien hatten die beiden gefunden. Die Blockade war bereits gefallen. So hatten sie keine Wahl. Sie mussten rennen – ins Innere der Stadt.

Zum Glück kamen sie schneller voran als die Ungeheuer. So konnten sie nach einiger Zeit eine Rast einlegen. Abraham und die Fremde hielten Ausschau nach Vampiren. Einige Bewohner dieser Gegend strömten aus der Stadt heraus. Doch war es dazu bereits zu spät. Die Eingänge in das Bergwerk waren ringförmig um die Stadt angelegt. Und wenn die Strigoi auch dort gesiegt hatten, waren die Menschen in der Stadt umzingelt.

„Und wohin nun?“

„In die Innenstadt.“, entgegnete die Frau.

Abraham nickte. Es war die einzige Möglichkeit in diesem Moment. Er ging vor, schaute, ob der Weg sicher war. Da schrie seine Weggefährtin auf. Ein Strigoi war bei ihr. Abraham eilte zu ihr. Dann stieß er dem Monster mit seinem Speer in den Kopf. Zum Glück hatte er den mitgenommen.

„Sind Sie verletzt?“

„Es hat mich am Handgelenk erwischt. Links.“

„Gar nicht gut. Jetzt benötigen wir Silber und zwar schnell.“

Wie sich herausstellte, hatte die Frau in weiser Voraussicht Silber dabei. Abraham hatte keines, da sie in der Mine keins bekamen. Verletzungen, die von den Strigoi verursacht wurden, waren empfindlich gegen Silber und so mussten sie ausgebrannt werden, indem man das Metall in die Wunde drückte. Ansonsten erkrankte man, starb und kam als eines dieser Ungeheuer zurück.

Abraham nahm ihre Hand, sprach ihr Mut zu und presste das Silber an die Verletzung. Es schmerzte fürchterlich. Nach wenigen Sekunden war es vorbei.

Sie eilten weiter. Sie hatten ja keine Wahl. Im Stadtzentrum befand sich das Regierungsgebäude. Die Hauptstraße dorthin war gesperrt, dort standen Soldaten Wache. Sie hielten die Menschen, welche ebenfalls Richtung Stadtzentrum strömten, zurück. Keiner durfte in die Nähe des Gebäudes kommen.

„Hier lang. Dort vorne werden wir abgewiesen. Ich kenne einen anderen Weg.“

Abraham war das egal, Hauptsache sie kamen in Sicherheit. So begaben sie sich in eine Gasse, die parallel zur Hauptstraße führte. Sie stiegen über tote Strigoi. Offenbar wurden diese von den Soldaten am Ende der Gasse erschossen.

„Halt!“, bellte ein Soldat.

„Letztes Exemplar des Königskleidervogels“, erwiderte Abrahams Bekanntschaft.

Der Soldat nickte und ließ die beiden mit einer Geste passieren. Als sie etwas entfernt waren, fragte Abraham verwundert: „War das gerade ein Passwort? Und woher kennen Sie das?“

Seine Begleiterin legte den Finger auf die Lippen – zeigte die Geste des Schweigens.

Sie gingen im direkten Wege auf das Gebäude zu.

„Da gehe ich nicht rein!“, sagte Abraham entschlossen. „Wegen den Menschen in diesem Gebäude musste ich in den Stollen leben.“

„Und das ist grausam, ja. Aber wir haben keine Zeit für Diskussionen. Sie sollten den Trubel nutzen und sich in Sicherheit bringen. Also kommen Sie mit oder…“

Den Satz musste sie nicht zu Ende bringen. Es war offensichtlich, was passieren würde, wenn man in der Stadt bliebe. Wer war diese Frau? Gehörte sie einer Untergrundbewegung an? Möglicher Weise. Es musste eine organisierte Gruppe gewesen sein. Immerhin kannte sie das Passwort, um an den Soldaten vorbeizukommen. Das könnte bedeuten, es wären schon einige durch die Sperre geschritten und könnten sich im Gebäude befinden.

Im Gebäude waren die Menschen in Panik verfallen und flohen in die Bunker. Keine gute Idee. Abraham und die Frau stiegen in einen Fahrstuhl und fuhren nach oben. Als sie ausstiegen, sagte die vermeidliche Aktivistin: „Auf dieser Etage befinden sich Einkaufsläden. Wir sollten uns gehobener kleiden, sonst werden wir bald auffallen.“ Die Läden waren bereits verlassen. So konnten sie sich einfach bedienen.

Als sie entsprechend gekleidet waren, sah seine Begleiterin schön aus. „Das Kleid steht Ihnen sehr gut.“, machte Abraham ihr ein Kompliment.

„Lieben Dank, Sie sehen auch sehr attraktiv aus. Nur Bart und Haare müssten etwas angepasst werden.“ Sie zwinkerte ihm zu. Sie hatte eine positive Art an sich, als ob alles gut würde und ihnen nichts passieren könnte. „Wir müssen weiter!“

Die beiden gingen zum Fahrstuhl. Sie standen bereits in der Kabine, da hämmerte etwas von oben auf die Kabine. Abraham suchte den Blick der geheimnisvollen Frau und sie suchte den seinen. Dann sprach sie: „Dann müssen wir die Treppe nehmen. Los!“ Sie rannten so schnell sie konnten, erreichten das Treppenhaus und liefen zwei Stockwerke nach oben. Unten waren bereits Strigoi auf den Treppen zu sehen.

Als sie die letzte Etage erreichten, wurden sie von Soldaten empfangen. Abraham wollten die Männer zurückhalten, doch auf Befehl seiner Begleitung ließen sie ihn passieren. Jetzt war klar, dass die Frau keine Aktivistin war. Sie konnte nur eine Kapitalistin sein. Doch was sollte Abraham jetzt machen? Die Soldaten würden nicht zögern, ihn zu überwältigen oder gar zu töten, sollte er die Frau zur Rede stellen oder ihr etwas antun. So blieb ihm nichts weiter, als ihr weiter zu folgen. Sie gingen eine letzte, elegante Treppe hinauf – begleitet von den Soldaten. Oben angekommen sagte eine Stimme: „Da sind sie endlich, Rosa Strom. Dann können wir abreisen.“ Hinter ihnen wurden die Türen geschlossen und das Luftschiff setzte sich in Bewegung.


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