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Das Bergwerk

Nach einer zweitägigen Zugreise erreichten Timothy und Ada das Dorf, welches ihr Ziel darstellte. In einem Wirtshaus im Dorfzentrum mieteten sie sich ein Zimmer und genossen den Rest des Tags. Alle übrigen Gäste – eine beträchtliche Anzahl an Personen – hatten sich in der benachbarten Stadt einquartiert. Diese war mit dem Zug in wenigen Stunden zu erreichen. Allerdings wollte das Paar Zeit für sich haben und so verzichteten sie auf den Trubel der Stadt – zumindest für dieses Wochenende.

So schlenderte das Pärchen am Abend durch das Dorf. Die Bewohner waren größtenteils Bauern und nicht sehr wohlhabend. Dieser Umstand wird sich in naher Zukunft ändern, wenn das Bergwerk erst eröffnet ist. Sollte bei der feierlichen Eröffnung am morgigen Tag alles rund laufen – und das wird es –, werden viele der Bewohner dort arbeiten und recht gutes Geld verdienen. Ob die Menschen in diesem Ort glücklich darüber waren, ließ sich nicht sagen, ohne mit ihnen zu sprechen.

„Die Menschen hier sind verschlossen gegenüber Fremden.“, sagte der Gastwirt als Ada und Timothy zu Abend aßen. „Und... seitdem die Golden Sky Corporation das Bergwerk hier ganz in der Nähe baut, sind einige verunsichert und haben Angst, was die Zukunft bringt.“

„Ich kann Ihnen versichern, dass das Dorf einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben wird, wenn die Mine erst eröffnet ist!“, entgegnete Timothy mit ruhiger Stimme.

Der Gastwirt – ein bauchiger Mann – setzte sich neben Ada an den Tisch: „Morgen ist die Eröffnung. Man munkelt, es werden viele Besucher erwartet. Sie sehen aus, als seien Sie ebenfalls geladene Gäste.“ Der Mann blickte zwischen Timothy und Ada hin und her.

„Das ist vollkommen richtig.“, sagte Ada. An ihrem Lächeln konnte man klar erkennen, dass sie glücklich war. Glücklich, mit ihrem Partner hier zu sein. „Morgen werden hauptsächlich Investoren an den Feierlichkeiten teilnehmen.“, ergänzte Ada.

Der Wirt schaute das Paar erwartungsvoll an.

„Nein, nein. Wir sind keine Investoren.“, entgegnete Timothy freundlich.

„Er ist leitender Ingenieur der One Rail Technologies.“ Ada nahm Timothys Hand und schaute ihn glücklich an. Sie war stolz auf ihn. „Übrigens: Die Speisen schmecken vorzüglich.“, fügte Ada hinzu. Es gab eine Suppe vorweg und als Hauptgang Rindsgulasch mit Semmelknödeln. Eine Nachspeise gab es nicht. Das Menü war nichts Besonderes für das Paar, aber es war gut und mit Hingabe zubereitet.

Nach dem gemütlichen Mal begaben sich Timothy und Ada nach oben, in ihr gemietetes Zimmer. Sie schliefen schnell ein, obwohl sie aufgeregt waren, was der morgige Tag bringen mochte.

Am nächsten Morgen wurden die Gäste durch das Krähen eines Hahnes geweckt. Es war noch früh, kurz nach Sonnenaufgang. Das Frühstück nahmen sie unten im Gasthaus zu sich. Es gab Brot mit Butter und einer kleinen Auswahl an Aufstrich. Auf die Butter war der bauchige Wirt sehr stolz. Butter war ein Luxusgut, was dem Paar in diesem Moment wieder bewusst wurde.

Der Tag verging wie im Flug. Und schon war es Zeit, sich fertig zu machen. Bald gingen die Feierlichkeiten los. Adas Kleid war zauberhaft. Es war aus blau-weißer Seide gefertigt und Ärmelenden, Schulterbereich, Stehkragen und Brustbereich waren mit Spitze verziert. Zusätzlich rundeten ein breiter Taillengürtel und eine verspielte Schleife im Kehlkopfbereich das Erscheinungsbild ab. Das Kleid war mit viel Liebe zum Detail gearbeitet.

Timothy trägt Hosen in hohen Stiefeln mit einer rötlichen Kragenweste und einem Mantel. Das Outfit wird durch eine Krawatte ergänzt. Als Ingenieur trug man schicke Kleidung, die sowohl praktisch zum Arbeiten war. Er hatte zwar nicht vor am heutigen Tage zu arbeiten, dennoch wollte er durch seinen Kleidungsstiel, als Ingenieur erkannt werden.

Der Zugang des Bergwerkes war vom Dorf aus, zu Fuß zu erreichen. So kamen sie bald an dem Fahrstuhl an, der hinunter in die Tunnel führte. Eine Treppe gab es nicht. In der Fahrstuhlkabine traf das Paar auf andere, geladene Gäste. Investoren. Timothy und Ada kannten keinen von ihnen. Gegen die Leute im Dorf, waren Timothy und Ada wohlhabende Leute; gegen die Leute in diesem Fahrstuhl waren die beiden arm.

Unten angekommen, offenbarte sich eine kleine Empfangshalle. In dieser befand sich eine Übersichtskarte, auf der ein ganzes Tunnelsystem zu erkennen war. Die Halle war ein Bahnhof und es fuhr eine Einschienenhängebahn ein. Man stelle sich das einmal vor: Eine Schwebebahn unter der Erde – hier in einem Tunnel. Die Menschen stiegen ein und waren sichtlich beeindruckt.

Für Timothy war das nichts Überraschendes. Der Ingenieur hatte die Bahn für dieses Projekt entworfen und war bei der Installation der Bahn anwesend gewesen. Es freute ihn, dass die Bahn so gut angenommen wurde.

Bisher sah das Bergwerk nicht aus wie eines. Alles war edel und schön hergerichtet.

Nach einer kurzen Fahrt – nicht mal fünf Minuten – fuhr die Bahn in eine riesige Halle ein. Einigen Gästen stockte der Atem. Der Bahnsteig befand sich unter der Decke. Die Station stand auf einem Gestell, welches die Menschen über eine Treppe zu dem Boden des gewaltigen Raumes leitete. Die Höhe der Halle betrug mehr als zwanzig Meter.

Am Fuße der Treppe angekommen, erblickten die Gäste einen Vorhang. Dieser befand sich auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes und verborg offensichtlich etwas Großes. Im Bereich der Treppe befand sich eine Bar und der Empfang. Kellner warteten bereits und boten Wein und andere Getränke an. Ada freute es, dass es neben der Bar eine Tanzfläche gab, an der zeitgenössische Musik gespielt wurde. Sogar ein kleines Theater gab es.

Der gewaltige Saal – es gibt kein Wort, um die Mächtigkeit des Raumes akkurat zu beschreiben – glich einer Festhalle. Für Speisen, Getränke und Unterhaltung war gesorgt.

Als Timothy und Ada an einem Tisch saßen und speisten, gesellte sich der Gastgeber zu ihnen. Gilbert Featherstone, Inhaber der Golden Sky Corporation, war zu Studienzeiten Timothys Mentor gewesen. Daher kannten sich die beiden gut. Auch Ada und Mr. Featherstone kannten sich aufgrund dieser Begebenheit.

Featherstone klopfte Timothy auf die Schulter und sagte: „Ich benötige deine Expertise. Komm mit.“ Während der Ingenieur und der Geschäftsführer in Richtung des großen Vorhangs schritten begab sich Ada zur Theaterbühne und ließ sich dort unterhalten.

Ohne zu zögern, gingen die beiden am Sicherheitspersonal vorbei hinter den Vorhang. Timothy konnte seinen Augen nicht trauen. Vor ihm offenbarte sich eine Maschine gewaltigen Ausmaßes. Die Größe dieser war schier überfordernd. „Das fällt wohl kaum in meinen Fachbereich.“, sagte er darauf.

„Schau dir die Maschine erstmal an.“, entgegnete Featherstone freundlich.

So stiegen die beiden eine der vielen Leitern hoch und inspizierten die Maschine. Am vorderen Teil der Maschine angekommen, war klar, dass es sich um eine Tunnelbormaschine handelte. Das ist soweit schlüssig, schließlich benötigt man einen solchen Apparat in einem Bergwerk. Aber wozu in einer solchen Größe? Am hinteren Teil des Monstrums befand sich eine Öffnung, aus der Schienen herauskamen.

Das machte Timothy neugierig: „Wozu dienen diese Schienen? Um die Rohstoffe aus den Tunneln zu transportieren, wird wohl kaum die volle Spurbreite benötigt.“

„Vollkommen richtig.“ Featherstone nahm Timothy näher zu sich heran. „Das Ganze hier wird kein Bergwerk. Ich plane etwas viel größeres.“ Kurze Pause. „Timothy, dafür brauche ich dich. Der Personenverkehr soll elektrisch betrieben werden.“

Und plötzlich entpuppte sich das vermeintliche Bergwerk als größenwahnsinnige Vision eines Kapitalisten. Alle großen europäischen Städte sollten mit einer Art Untergrundbahn miteinander verbunden werden. Das Abbauen der Ressourcen ist nur das Nebenprodukt, um den Beginn des Projekts zu finanzieren.

„Ist der Borer einsatzbereit?“, wollte der Gastgeber nach einiger Zeit wissen.

Timothy entgegnete: „Gewiss. Doch deine Ingenieure können das besser einschätzen als ich.“

Die beiden Männer schlenderten weiter über die Maschine. Sie trafen auf einen Techniker, der an einem empfindlichen Teil der Maschine schraubte. Als dieser die Männer bemerkte, wurde er sichtlich nervös. Dann entfernte er sich.

Timothy sagte: „Hast du diesen Herrn gesehen? Dieser Kerl hat den Borer manipuliert!“

„Haltet diesen Mann!“, rief Featherstone daraufhin.

„Er hat der Maschine ganz schön zugesetzt. Ich schätze, eine Reparatur ist heute nicht zu schaffen. Das muss sich unbedingt ein Spezialist ansehen.“

„Lieber Gott. Ich kann es mir nicht leisten, heute nichts zu demonstrieren.“, erwiderte der Geschäftsführer hektisch und lies nach einem seiner Ingenieure schicken. Timothy begab sich zu seiner Geliebten.

Ada saß da und sah sich ein Theaterstück an. Der Ingenieur setzte sich neben sie. Er nahm ihre Hand.

„Alles in Ordnung, mein Bester?“, fragte sie.

„Es gab einen Zwischenfall an einer Maschine.“, flüsterte er ihr ins Ohr und berichtete ihr, was er soeben erlebt hatte. Anschließend hielt Ada seine Hand fester. Sie suchte Timothys Nähe und ihr liebevolles Lächeln wich einem Besorgtem.

Ein Gong ertönte. Es war das Zeichen die Plätze auf der Tribüne einzunehmen. Timothy und Ada nahmen ihre Plätze nicht ein. Stattdessen begaben sie sich zur Tanzfläche. Und während sie tanzten, wurde das Monstrum gestartet. Einige Sekunden später explodierte die Maschine und das Letzte, was Timothy sah, war die Spiegelung der Flammen in Adas Augen.

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